Studien
 
Die Auflösung des alten Meierhofs Reichenbach um 1800
 
Im Oktober 1998 machte mich W. Ruoss (Klosterreichenbach) darauf aufmerksam, dass auf den Hof mit der alten Nummer 79 („Jörglesbauer“) Rechte und Felder des alten Meierhofs Reichenbach übergegangen sind. Bald fanden wir einen ähnlichen Zusammenhang zwischen dem Hof im Ziegelteich mit der alten Nummer 73 und dem Reichenbach. Anlass genug zu weiteren Nachforschungen. Es zeigte sich schnell, dass wir der Auflösung des alten Meierhofs Reichenbach (Foto) auf die Spur gekommen waren.

Der Ursprung des Meiereiguts, „der Reichenbach genannt“ (Lagerbuch 1668), reicht wohl in die vorklösterliche Zeit, also in die Zeit vor dem Jahr 1082 zurück. Das Gütlein („prediolum“), das Bern von Siegburg und Haigerloch dem Kloster Hirsau schenkte, trug bereits den Namen „Richenbach“. Dieser Name, darauf hat schon M. Eimer (1930) hingewiesen, blieb erhalten und wurde auf das Kloster und den Ort übertragen, während der eigentliche Klostername „Gregorienzell“ sich nicht durchsetzen konnte. Wenn nun in württembergischer Zeit eines der Klostergüter den Namen Reichenbach trägt, ist wohl der Schluss erlaubt, dass das so benannte Gut seinen Ursprung in der alten Schenkung hat. Dieser Schluss wird noch dadurch untermauert, dass der Reichenbach alternativ auch das „Althaus“ genannt wird. M. Eimer (1930) bemerkt dazu: „Die Bezeichnung ‚Althaus‘ kann nur an einem Hause haften, welches besonders alt, das älteste im Bewusstsein der Ortsbewohner ist“.

Nach der endgültigen Aufhebung des Klosters (1648) wurden die Klostergüter 1651 an private Eigentümer verkauft. Neuer Besitzer des Reichenbachs wurde Georg Muz (1610-1680, F 284) aus Igelsberg. Im Kaufvertrag, der erhalten geblieben ist (XXI), finden wir den Kaufpreis (1200 Gulden) ebenso wie die verkauften Liegenschaften. Mit dem Hofgebäude wurden verkauft:

  • ein großes Feldstück, das ebenfalls den Namen „Reichenbach“ trägt und 34,5 Mannsmahd oder rund 52 Morgen umfasst;
  • ein weiteres Feldstück namens Ziegelacker mit 3 Mannsmahd oder 4,5 Morgen;
  • ein Teil des Waldackers mit 2 Mannsmahd oder 3 Morgen.

Zusammen umfassen die Feldstücke mithin rund 60 Morgen. Dieser Umfang der Feldstücke des Reichenbachs wird im Lagerbuch von 1668 bestätigt (XXXV). Das Lagerbuch macht auch Angaben über die Lage der Feldstücke. Demnach liegen

  • der Reichenbach beiderseits des Bachs gleichen Namens bis hinauf an die Musbacher Steig;
  • der Ziegelacker nördlich der Musbacher Steig;
  • der Waldacker zwischen den alten Straßen nach Dornstetten (heute Dornstetter Weg) und nach Baiersbronn (heute Rosenbergweg).

Neuer Besitzer des Hofguts Reichenbach und seiner Felder ist, wahrscheinlich schon seit 1663, Franz Mast (1636-1714, F 90), ein Sohn des früheren Gastmeisters Hans Mast (†1638, F 203) aus Reichenbach. Mehr als 150 Jahre wird der Reichenbach im Besitz der Familie Mast bleiben.

1769 ist der Bürgermeister Johann Peter Mast (1709-1784, F 343), ein Enkel des Franz Mast (L), Besitzer des Reichenbachs. Die Feldstücke, bestehend aus Äckern und Wiesen, haben eine Gesamtfläche von knapp 60 Morgen und scheinen demnach zumindest von der Größe her identisch zu sein mit dem alten Besitz (XXXI). Johann Peter Mast ist der letzte seiner Familie, der den Hof ungeteilt besitzt. Vielleicht schon vor seinem Tod wird das Gut auf die beiden Söhne Franz Mast (1745-1806, F 346) und Johann Georg Mast (1748-1818, F 399) aufgeteilt. 1789 besitzt jeder der beiden nachweislich (XXII) „die halbe Meierei der Reichenbach genannt“, und Franz Mast scheint auf einem Hof zu wohnen, den die beiden Brüder bereits 1773 „auf das hintere Wißfeld nächst am Reuthäberle“ (XXVII) gebaut haben. Ist das schon der neue Hof im Ziegelteich?

Auf der Flurkarte von 1837 (LII) findet man in der Umgebung des Reuthäberle (den Flurnamen gibt es noch heute) nur ein Gebäude: den Hof im Ziegelteich, der die Nummer 73 trägt. Schlägt man im Gebäudekataster (LII) nach, so findet man als Besitzer dieses Hofes Johannes Schneider (1801-1865) aus Igelsberg. Dies scheint nicht gerade für eine Verbindung zwischen dem Hof im Ziegelteich und dem alten Reichenbach zu sprechen. Untersucht man jedoch den Grundbesitz des Johannes Schneider im Feldkataster (LII), dann wird die Verbindung unmittelbar deutlich: er besitzt im Reichenbacher Tal die Flurstücke 142, 143, 144, 148 und 183 mit zusammen 32 Morgen – das könnte tatsächlich die eine Hälfte der Felder des alten Reichenbachs sein. (Genau besehen gibt es zwei Flurkarten aus dem Jahr 1837: auf der einen, wahrscheinlich älteren und daher auch „Urkarte“ genannten, weicht die Nummerierung der Flurstücke vom späteren Kataster ab; auf der zweiten Flurkarte, die auch „Nummernkarte“ genannt wird, stimmt die Nummerierung dagegen überein.)

Johannes Schneider hat 1828 in Reichenbach Agatha Frey (1808-1870) aus Heselbach geheiratet. Beide Ehepartner sind demnach ortsfremd, stammen aber aus begüterten Familien: die Väter waren beide Hofbauern und im Amt des Schultheißen (L). Es ist demnach wahrscheinlich, dass das junge Paar um das Jahr seiner Hochzeit den Hof im Ziegelteich gekauft hat. Aber von wem?

Johann Ulrich Mast (1776-1829), Sohn und Erbe des Franz Mast (L), stirbt 1829, also ungefähr zu der Zeit, als sich das Ehepaar Schneider in Reichenbach niederlässt. Es ist daher wahrscheinlich, dass der Hof im Ziegelteich mit der einen Hälfte der Felder des alten Reichenbachs von Johann Ulrich Mast oder seinen Erben an Johannes Schneider verkauft wurde, der um 1840 unzweifelhaft Eigentümer des Hofes und der oben genannten 32 Morgen ist.

Die andere Hälfte der Felder des alten Reichenbachs ist um 1840 in der Hand des Johannes Mast (1790-1847), einem Sohn des Johann Georg Mast (L). Zu seinem Grundbesitz von gut 29 Morgen zählen die Flurstücke 137, 138 und 140 am Beckenberg, die zum Teil auf den alten Ziegelacker zurückgehen, die Flurstücke 141, 145 und 147 im Reichenbacher Tal sowie das Flurstück 229 auf dem Waldacker (LII). Johannes Mast wohnt um 1840 nicht mehr im alten Hofgebäude des Reichenbachs, sondern in dem eingangs genannten Hof an der Musbacher Steig (LII) mit der alten Nummer 79 („Jörglesbauer“). Wie W. Ruoss mitteilt, trägt das Haus noch heute über dem Türsturz die Jahreszahl 1841 sowie die Initialen J.M. für Johannes Mast und A.M. für Anna Maria Mast, der Frau des Johannes.

Anna Maria Mast (1802-1880) verkauft 1848, nach dem Tod ihres Mannes, den Hof an der Musbacher Steig an ihre Tochter Rosina Mast und deren Bräutigam Christian Schneider aus Igelsberg (W. Ruoss besitzt eine Kopie des Kaufvertrags). Christian Schneider (1826-1911), das ist interessant, ist der sehr viel jüngere Halbbruder des Johannes Schneider (1801-1865), der den Hof im Ziegelteich besitzt. Vater beider Reichenbacher Schneiders ist der Bauer und Bürgermeister Johann Michael Schneider (1774-1845, F 636) aus Igelsberg (L). 1848 sind demnach beide Teile des alten Meierhofs Reichenbach mit den Gebäuden 73 und 79 in der Hand der Brüder Schneider.

Wie steht es aber mit dem alten Hofgebäude des Reichenbachs innerhalb der Ringmauer, das die alte Nummer 7 trug? Es ist offenbar mit der Aussiedlung des Johannes Mast an die Musbacher Steig verkauft worden, denn wir finden um 1840 im Gebäudekataster (LII) neue Besitzer, nämlich den Zimmermann Christian Burkhard und den Fuhrmann Christian Teuffel, dessen Familie dem alten Hof einen neuen Namen verleihen wird: „Teufelsbauernhaus“. Das alte Teufelsbauernhaus wurde 1955 abgebrochen, die Höfe an der Musbacher Steig und im Ziegelteich stehen noch heute.

Typoskript: 11/99
Druckversion: Freudenstädter Heimatblätter, 02/00
Internetversion: 12/02
Aktualisierung: 12/02
Der Buchstabe F mit nachfolgenden Ziffern verweist auf das Ortssippenbuch
von G.Frey (
1987)